Kanonenfutter.


Feierabend daheim beim Ehepaar Ruedi und Rita Baldinger, beide Mitte vierzig, 18 Uhr an einem heissen Sommertag. Terror im Irak. Tages-schau. ARD. Breit und aufrecht sitzt er im Sofa, hemdsärmelig, die Kravatte gelockert; blickt konzentriert auf den Bildschirm, öffnet, als er-ledige dies für ihn ein anderer Mensch, eine Bierflasche, füllt, ohne darauf zu achten, ein hohes, schräg gehaltenes Glas, aber kein Schäum-chen zu viel und kein Tröpfchen zu wenig. Seine Hand führt es zügig präzis zum Mund. Er sieht fern: Stadtrand Karbala. Trümmer und Tote nach einem Selbstmordanschlag. Dann Frauen und Kinder und bärtige Männer, dunkle Kopftücher und bunte Plastikkanister, Zahnlücken und zerschlissene Kleidung, ausgestreckte Arme von Armen zu Allah und nach Wasser und Nahrung, ab Lastwagen von Soldaten hektisch verteilt. Staub und Sand überall, Gewänder und Gewehre, Hitze und Hysterie, Durst und Angst, grelles Elend.

Baldinger, nachdem er einen Schluck genommen und sich den Schaum von den Lippen gewischt hat, mit unentwegtem Blick auf den Bild-schirm: „Schon verrückt,

Seine Frau aus der Küche: „Was sagst du?“

„Eben, schon verrückt, was da unten passiert!“

„Wo unten?“

„Eben im Irak.“

„Aha.“

Er gräbt seine Finger in eine Schale mit gesalzenen Nüssen und kippt eine Handvoll in den Mund, blickt auf den Bildschirm und schüttelt, während er die Nüsse hörbar zermalmt, den Kopf. Seine Frau aus der Küche, wo Wasser in den Schüttstein fliesst…

Hm.

Und andere Kurzgeschichten.


Andy Steiner

mit Illustrationen von Ernst Gamper

< >