Klarer Fall.


Da sitzt Chef Stv Wm Urs Hug, Polizist einer Gemeinde am Zürichsee, auf seinem Posten, und verzweifelt daran, dass wieder nichts geschieht an diesem helllichten Tag. Über ihm die graue Betondecke, draussen tief-blauer Himmel, gebrochene Sonnenstrahlen durch vergitterte Fenster auf seinem aufgeräumten Schreibtisch. Die Langeweile lässt Hug keine Ruh. Er grübelt sich wieder einmal in eine regelrechte Verbitterung über sein so geregeltes Leben hinein und verflucht die verkehrte Welt, in die es ihn versetzt hat: Er, der sich niemals auch nur der geringsten Gesetzesüber-tretung schuldig gemacht hat, in staatsverordneter Kleidung hinter ver-gitterten Fenstern! Gezwängt in ein durchgehend korrektes Verhalten. Aufstehen als Pflichtbegrüssung und allen aufrecht zu Diensten, die mit einer ach so bitteren Bitte oder einem beschissen beflissenen Befehl an ihn herantreten. Kätzchen entlaufen, Portemonnaie verloren, Fahrrad ge-stohlen, Parkbussenreklamationen, Nachbarschaftsdenunziationen, Rap-portabruf, Fragen über Fragen: Pures Frustfutter. „Zellen-Ursli“ hat ihn kürzlich seine Frau im Streit über Sinn und Zukunft ihrer Ehe genannt.

Die Zeit streckt sich und gähnt dazu. Es gibt nichts zu tun, rein gar nichts. Nicht einmal eine Fliege bietet sich an, seine Gewandtheit als Ordnungshüter herauszufordern, und er würde ihr in seinem Zustand noch so gerne etwas zuleide tun. Die Stunde hat achtzig Minuten. Und seine stille Wut über lauter Leere in seinem Innern wächst mit jedem frühlingsfröhlichen Geräusch von Mensch und Tier da draussen, wo sonst nichts geschieht, das seinen prompten Einsatz als Freund und Hel-fer erfreulich notwendig machen würde. Hug vergräbt das Gesicht in seine Hände und schreit in sich hinein: Eine Hebamme braucht die Ge-burt. Ein Bestatter den Tod. Ein Polizist Fälle. Vorfälle. Unfälle. Verfehlungen. Verbrechen. Betrug. Am besten schön schwer, schwerwiegend, unvorstellbar, grausam, hinterhältig – allzeit bereit …

Hm.


Sie haben es ihm unendlich bequem gemacht auf Platz Nummer 5051 in der 4. Reihe, Feld 19, und Elisabeth, seine Frau, fände den kürzesten Weg zu ihm auch als blinde Kuh. Heute besucht sie das Grab ihres vor einem Jahr an Lungenkrebs verstorbenen Mannes mit ihrem Jüngsten, Raffael, acht.

Er summt und hüpft ungehalten über den Kiesweg; die friedhöfliche Stille hält sich deswegen zerknirscht die Ohren zu, und die sich im Wind wiegenden Bäume und Sträucher und Zierpflanzen, die unentwegt an ihrem über den ganzen Friedhof ausgelegten Rausch- und Raschelteppich herumzupfen, flüstern belehrend zum Kind: Sei andächtig!

„Raffael, bitte!“, ruft ihm die Mutter zu. „Dies ist ein Friedhof und kein Spielplatz.“

„Warum heisst das, wo wir jetzt sind, eigentlich ‚Friedhof’?“, fragt un-bekümmert der Bub, und schreitet so leise, wie es geht, über den Weg.

„Weil die Menschen hier ihren ewigen Frieden haben“, antwortet sie mit einem Blick über das Gelände wie eine Obdachlose auf ein herrschaft-liches Haus.

„Woher weiss man das?“

Sie bleibt einen Moment stehen und seufzt: „Nun ja..., es ist halt so, dass sich die, die hier sind, um nichts und niemanden mehr kümmern müssen. Vielmehr kümmert man sich um sie. Und wenn nicht, haben sie trotzdem ihren Frieden; sie haben halt ganz einfach keine Sorgen mehr.“

„Wie keine Sorgen?“

„Ach, Raffael...“, gerade noch kann sie „...lass mich in Frieden!“ zurück ziehen.  Sie sagt:  „Zum  Beispiel braucht sich hier niemand mehr Sorgen um die Gesundheit zu machen.“ Und  denkt: Das hat sich erledigt…

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